{"id":27,"date":"2017-02-13T11:46:36","date_gmt":"2017-02-13T10:46:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.twofamilyarchives.com\/?page_id=27"},"modified":"2017-03-04T23:56:58","modified_gmt":"2017-03-04T22:56:58","slug":"reichel-komplex-friedemann-derschmidt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.twofamilyarchives.com\/de\/reichel-komplex-friedemann-derschmidt\/","title":{"rendered":"Reichel komplex"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.twofamilyarchives.com\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Reichel-komplex-gr.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-28\" src=\"http:\/\/www.twofamilyarchives.com\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Reichel-komplex-gr-300x215.jpg\" width=\"450\" height=\"323\" srcset=\"https:\/\/www.twofamilyarchives.com\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Reichel-komplex-gr-300x215.jpg 300w, https:\/\/www.twofamilyarchives.com\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Reichel-komplex-gr-768x551.jpg 768w, https:\/\/www.twofamilyarchives.com\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Reichel-komplex-gr-1024x734.jpg 1024w, https:\/\/www.twofamilyarchives.com\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Reichel-komplex-gr-488x350.jpg 488w, https:\/\/www.twofamilyarchives.com\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Reichel-komplex-gr-150x108.jpg 150w, https:\/\/www.twofamilyarchives.com\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Reichel-komplex-gr.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a>von <a href=\"https:\/\/www.twofamilyarchives.com\/derschmidt\/\">Friedemann Derschmidt<\/a>:<\/p>\n<p>In den sp\u00e4tern 1960er und den fr\u00fchen 1970er Jahren bin ich in einer bekannten ober\u00f6sterreichischen Grossfamilie in dem Bewu\u00dftsein erzogen worden, etwas \u201cBesonderes\u201d zu sein. Worin diese Besonderheit bestehen sollte, war unklar.<\/p>\n<p>\u00dcber die Jahre und nicht ohne die Hilfe einiger kritischer Mitglieder der Familie habe ich herausgefunden, dass in der Grossfamilie ein sehr komplexes Gespinnst aus Mythen, Legenden und L\u00fcgen \u00fcber die Vergangenheit und die Generationen der Grosseltern und Urgrosseltern gewoben worden war. Ich erkannte, dass auch Menschen, die mir emotional sehr nahe standen, aktiv an dieser Selbstverherrlichung der Grossfamilie Teil hatten und teilweise daran bis heute festhalten. Innerhalb dieses Kokons aus Geschichten wurde mir schrittweise immer klarer, da\u00df nicht wenige Familienmitglieder aktive und begeisterte Nazis gewesen sind, viele in der NSDAP waren, einige sogar hohe Offiziere bei SS und SA gewesen sind und manche durchaus einflussreiche Positionen in allen Sparten der Gesellschaft w\u00e4hrend des Dritten Reiches inne hatten.<\/p>\n<p>Ich begann Interviews mit Verwandten zu f\u00fchren und eine ungeheure F\u00fclle an Material zu sammeln. Das war der Zeitpunkt, der mich zu einer Art Familienchronisten gemacht hat. Dennoch hatte ich vorl\u00e4ufig nicht die geringste Ahnung, was ich mit all der Information anstellen sollte. In dem, was ich als \u201cdas System der Familie\u201d bezeichne, spielte mein Urgrossvater offensichtlich eine zentrale Rolle. Er war Arzt und Universit\u00e4tsprofessor und ein nicht unbekannter Vertreter der Eugenik in \u00d6sterreich. Seinen Studierenden bleute er ein, dass Familien und Ahnenforschung ein wichtiges Werkzeug der \u2013 wie es damals hiess \u2013 \u201cRassenforschung\u201d sei und dass es von grosser Wichtigkeit w\u00e4re, viele Kinder zu zeugen und aufzuziehen. Er war Gr\u00fcndungsmitglied des \u201cReichsbundes der Kinderreichen\u201d und ging selbst mit bestem Beispiel voran.<\/p>\n<p>Dies wurde in der Folge zum Angelpunkt f\u00fcr mein Projekt. Selbst heute noch f\u00fchlt sich eine Mehrzahl meiner Verwandten auf die eine oder andere Weise der Idee der Grossfamilie verpflichtet. Gemeinsam mit meinem Cousin Eckhart Derschmidt habe ich im Oktober 2010 eine Internetplattform auf der Basis von Web 2.0 ver\u00f6ffentlicht und die Familienmitglieder aufgefordert, sich daran zu beteiligen. Der Text der Startseite war zugegeben sehr provokant formuliert, verfehlte daher nicht seine Wirkung. Er lautete sinngem\u00e4ss so: \u201cHat der Eugeniker Dr. Heinrich Reichel zu Beginn des 20en Jahrhunderts sein ganz pers\u00f6nliches Vererbungsexperiment gestartet? Schliesslich hat er 9 Kinder, 36 Enkelkinder und \u00fcber 80 Urenkel usw. usf. Sind wir das Ergebnis eines genetischen Versuches? Lasst uns dieses Experiment evaluieren\u2026\u201d<\/p>\n<p>Ich habe den Familienmitgliedern versprochen, die Internetseite zwei Jahre lang geschlosssen zu f\u00fchren (2010-2012). Von der Gesamtzahl aller Familienmitglieder (kleine Kinder und alte Leute, die keinen Computer ben\u00fctzen, mitgez\u00e4hlt) sind im Zuge eines sehr schwierigen und schmerzhaften Prozesses bis dato etwa ein Drittel als User beigetreten.<\/p>\n<p>Ironischerweise wurde ich zu einer Art Gegenspieler meines Urgrossvaters. Wie in einer Spiegelung tue ich eigentlich jetzt genau das, was er verlangte: n\u00e4mlich Familienforschung. Im Gegensatz zu ihm interessiert mich die genetische Weitergabe, innerhalb des von den Eugenikern so genannten \u201cErbstroms\u201d nicht im Geringsten. Ich versuche hingegen, die Weitergabe von Weltanschauungen, Ideologie und politischen Haltungen \u00fcber sechs Generationen in dieser b\u00fcrgerlichen Grossfamilie zu thematisieren. In der Folge begann ich Historiker, Soziologen, Psychologen und andere Experten zu kontaktieren. Ich lud sie ein, unserem Projektbeirat beizutreten. In der Folge wurde die Projektdatenbank durch eine Vielzahl an Dokumenten aus Archiven, theoretischen Texten und anderen Materialien angereichert.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Projekt ist es von grosser Wichtigkeit, zu verstehen, dass die Nazis nicht wie eine Horde Wahnsinniger aus dem Nichts kamen und wieder verschwunden sind. Sie waren auch keine von aussen kommende \u201cAndere\u201d sondern kamen aus der Mitte der Gesellschaft: Die eigenen V\u00e4ter und M\u00fctter, Grosseltern, Tanten und Onkel waren \u201cdie Nazis\u201d. Wenn man einen Schritt zur\u00fcck tut und mit diesem gr\u00f6sseren Blickwinkel auch das 19. Jahrhundert mitbetrachtet, kann man am konkreten Beispiel dieser b\u00fcrgerlichen Grossfamilie gut aufzeigen, wie sich die vielen oft sehr unseligen Wechselwirkungen zwischen Nationalismus, Jugendbewegung, Erneuerungs- und Reinheitsphantasien und nicht zuletzt moderner Wissenschaft usw. ergeben haben m\u00fcssen. Diese spezifische Familie ist diesbez\u00fcglich alles andere als besonders einzigartig. Das Projekt \u201cReichel komplex\u201d kann vielmehr als Modell f\u00fcr viele \u00f6sterreichische, deutsche und andere europ\u00e4ische Familien dienen. F\u00fcr die jetzt lebenden Generationen geht es vermutlich weniger um Schuld als um Scham. Ich selbst jedenfalls werde trotzdem immer Teil dieses Systems bleiben, ob ich will oder nicht. Da gibt es kein Entkommen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Friedemann Derschmidt: In den sp\u00e4tern 1960er und den fr\u00fchen 1970er Jahren bin ich in einer bekannten ober\u00f6sterreichischen Grossfamilie in dem Bewu\u00dftsein erzogen worden, etwas \u201cBesonderes\u201d zu sein. Worin diese Besonderheit bestehen sollte, war unklar. \u00dcber die Jahre und nicht ohne die Hilfe einiger kritischer Mitglieder der Familie habe ich herausgefunden, dass in der Grossfamilie ein sehr komplexes Gespinnst aus Mythen, Legenden und L\u00fcgen \u00fcber die Vergangenheit und die Generationen der Grosseltern und Urgrosseltern gewoben worden war. 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